{"id":4782,"date":"2021-02-08T13:19:01","date_gmt":"2021-02-08T12:19:01","guid":{"rendered":"https:\/\/middelweb.de\/wordpress\/?page_id=4782"},"modified":"2021-02-08T13:19:01","modified_gmt":"2021-02-08T12:19:01","slug":"genscher-un-new-york","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/middel-online.de\/?page_id=4782","title":{"rendered":"Genscher UN New York"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>New York, 27. September 1989 UN Vollversammlung.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Obwohl gerade erst von einem&nbsp;Herzinfarkt genesen, wollte Genscher gegen den Rat seiner \u00c4rzte unbedingt dort hin.&nbsp;Eine ideale Gelegenheit f\u00fcr den Au\u00dfenminister, mit seinen Amtskollegen aus der Sowjetunion, der DDR und der Tschechoslowakei \u00fcber die immer dramatischer werdende Situation in den Botschaften zu sprechen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Am 27. September, einem Mittwoch, i\u00dft Genscher mit seinem Ost Berliner Amtskollegen Oskar Fischer zu Abend. Er macht zwei Vorschl\u00e4ge: DDR Beamte erteilen Ausreisegenehmigungen und stempeln die P\u00e4sse in den Botschaften ab. Variante zwei: Die DDR B\u00fcrger reisen in Z\u00fcgen \u00fcber ostdeutsches Gebiet in den Westen. Fischer will dar\u00fcber am Wochenende Honecker informieren. Zu sp\u00e4t, sagt Genscher.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>28. September<\/strong><br>Einen Tag sp\u00e4ter telefonieren Genscher und Fischer erneut. In den Botschaftsgeb\u00e4uden, vor allem in Prag, werden die hygienischen Zust\u00e4nde immer unertr\u00e4glicher. Fischer verspricht, Genschers Vorschl\u00e4ge nach Ost Berlin weiterzuleiten. Auch der tschechoslowakische Au\u00dfenminister Johanes wird von Genscher in New York aufgesucht. Doch der bleibt unverbindlich.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Nachmittag bittet Genscher um ein pers\u00f6nliches Gespr\u00e4ch mit Eduard Schewardnadse, dem sowjetischen Au\u00dfenminister. Er m\u00f6ge in sein Hotel kommen, wird ihm zur\u00fcckgemeldet. Doch Genscher steht kein Wagen zur Verf\u00fcgung. Genschers Mitarbeiter wendet sich an einen Polizisten. Das sei Herr Genscher, der deutsche Au\u00dfenminister. Das beeindruckte den Polizisten aber kaum. Dann ein letzter Versuch, es handele sich um die Fl\u00fcchtlinge in der Prager Botschaft, dort seien auch viele Kinder dabei. Das wirkt: Ein New Yorker Polizeiwagen bringt den Deutschen dann mit Blaulicht und Sirene zu Schewardnadse. Genscher im O-Ton: stellen Sie sich das einmal vor, der deutsche Au\u00dfenminister wird mit Blaulicht zum russischen gefahren.<\/p>\n\n\n\n<p>Dort angekommen, schildert Genscher die chaotischen Zust\u00e4nde in den Botschaften. Schewardnadse fragt: &#8222;Sind Kinder dabei?&#8220; Genscher: &#8222;Viele&#8220;. Darauf der Sowjet: &#8222;Ich helfe Ihnen&#8220;.<\/p>\n\n\n\n<p>Noch am gleichen Abend sichert sich Genscher die Unterst\u00fctzung der amerikanischen und franz\u00f6sischen Au\u00dfenminister Baker und Dumas.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>29. September<\/strong><br>Genscher ist auf dem Weg zum Flughafen, da erreicht ihn ein Anruf im Auftrag des DDR Au\u00dfenministers. Es gebe wichtige Informationen am Tag darauf in der St\u00e4ndigen Vertretung der DDR in Bonn f\u00fcr ihn. &#8222;Es lohne sich immer&#8220;, so l\u00e4sst der Anrufer vom Ost Berliner Au\u00dfenminister Oskar Fischer ausrichten, &#8222;mit ihm zu sprechen.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>30. September<\/strong><br>Im Bonner Kanzleramt erfahren Genscher und Rudolf Seiters, der bundesdeutsche Innenminister, dass sich Ost Berlin f\u00fcr die zweite Variante entscheiden hat: Zugfahrt der Ausreisewilligen durch die DDR. Genscher legt nach und fordert hochkar\u00e4tige Zugbegleitung als&nbsp;vertrauensbildende Ma\u00dfnahme f\u00fcr die DDR B\u00fcrger.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Die Fl\u00fcchtlinge vertrauen Ihnen nicht&#8220;, sagt er dem St\u00e4ndigen Vertreter Ost Berlins in Bonn, Horst Neubauer. Genscher und Seiters wollen selbst mitfahren. Ost Berlins Mann in Bonn muss noch einmal bei seiner Regierung nachfragen. Wenig sp\u00e4ter liegt die Genehmigung vor. Kurz vor dem Start Genschers und Seiters&#8216; Richtung Prag meldet sich Neubauer und widerruft die Zusage Ost Berlins in Teilen. Genscher und Seiters d\u00fcrfen nicht mitreisen. Der Druck steigt.<\/p>\n\n\n\n<p>Palais Lobkowitz, deutsche Botschaft in Prag: Showdown um 18.58 Uhr<\/p>\n\n\n\n<p>In der Bonner Botschaft in Prag angekommen, nimmt Genscher erneut Kontakt mit Neubauer auf. Es bleibt beim Nein Ost Berlins. Nur zwei bundesdeutsche Beamte d\u00fcrfen pro Zug mitreisen.<\/p>\n\n\n\n<p>Um 18.58 Uhr tritt Genscher auf den Botschaftsbalkon und spricht den wohl ber\u00fchmtesten Halbsatz der j\u00fcngeren deutschen Geschichte: &#8222;Liebe Landsleute, wir sind zu ihnen gekommen, um ihnen mitzuteilen, dass heute ihre Ausreise\u2026&#8220; Der Rest geht im Jubel unter.<\/p>\n\n\n\n<p>Um 19.30 Uhr verlassen die ersten die Botschaft. Schon drei Minuten zuvor hatte die staatliche Nachrichtenagentur der DDR, ADN, eine Erkl\u00e4rung des OstBerliner Au\u00dfenministeriums verbreitet. Man habe veranlasst, die sich rechtswidrig in den Botschaften der BRD aufhaltenden Personen aus humanit\u00e4ren Gr\u00fcnden auszuweisen. Um 20.50 Uhr verl\u00e4sst der erste Reichsbahnzug Prag Richtung Dresden. Vier weitere Z\u00fcge folgen im Zweistundentakt. Ziel ist das bayerische Hof.<\/p>\n\n\n\n<p>Bahnhof Hof, Gleis 8,&nbsp;<strong>1. Oktober<\/strong><br>Es ist 6.14 Uhr als die ersten 1.200 Ostdeutschen im bayerischs\u00e4chsischen Grenzort Hof auf Gleis 8 ankommen, darunter viele Kinder. Rund 6.000 Menschen erreichen an diesem 1. Oktober Hof. Sie alle kommen ohne P\u00e4sse. Die hatten ihnen DDR Beamte im Zug abgenommen. Heerscharen von Helfern und Journalisten erwarten sie. Ein paar Tausend DDR B\u00fcrger hatten ihren Staat vorgef\u00fchrt. Eine Abstimmung mit den F\u00fc\u00dfen. Sechs Wochen sp\u00e4ter fiel die Mauer. &#8222;Die Stunden in der deutschen Botschaft in Prag geh\u00f6ren, so Hans Dietrich Genscher im R\u00fcckblick, &#8222;zu den bewegendsten meines Lebens&#8230;wir hatten pure G\u00e4nsehaut.&#8220;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>New York, 27. September 1989 UN Vollversammlung. Obwohl gerade erst von einem&nbsp;Herzinfarkt genesen, wollte Genscher gegen den Rat seiner \u00c4rzte unbedingt dort hin.&nbsp;Eine ideale Gelegenheit f\u00fcr den Au\u00dfenminister, mit seinen Amtskollegen aus der Sowjetunion,&#46;&#46;&#46;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"parent":0,"menu_order":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"ngg_post_thumbnail":0,"footnotes":""},"class_list":["post-4782","page","type-page","status-publish","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/middel-online.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/4782","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/middel-online.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/middel-online.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/middel-online.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/middel-online.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=4782"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/middel-online.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/4782\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4783,"href":"https:\/\/middel-online.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/4782\/revisions\/4783"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/middel-online.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=4782"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}